Frühjahrstagung 2007 in Mannheim – Ethik in Medizin und Pflege

Verband Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Pflegepersonen, Landesgruppe Baden-Württemberg


Am 6.3.2007 führte die BALK Landesgruppe Baden-Württemberg in der Mannheimer Universitätsklinik ihre Frühjahrstagung durch. Die Veranstaltung setzte sich mit dem Thema Ethik in der Patientenbehandlung und in der Unternehmensführung auseinander. Peter Bechtel begrüßte in dem Tagungshaus „Alte Brauerei“ 56 Führungskräfte und Mitglieder aus Ethik-Komitees und stimmte sie auf den Tag ein. Zunächst legten die drei Referenten am Vormittag die Grundlagen zu ihren Themen. In Workshops vertieften sie am Nachmittag in Kleingruppen ihre Inhalte und zeigten die praktische Umsetzung auf.


Hagen Kern, Pflegedirektor Klinikum MannheimLandesvorsitzender Peter Bechtel

Hagen Kern, Pflegedirektor des Klinikums Mannheim, und der Landesvorsitzende Peter Bechtel

Das Plenum

Das Plenum

Selbstbestimmung am Lebensende: Möglichkeiten und Grenzen der Patientenverfügung

Dr. phil. Alfred Simon, Geschäftsführer der Akademie für Ethik in der Medizin e. V., Göttingen, beschäftigte sich mit der Selbstbestimmung am Lebensende. Er schilderte die Entwicklung der Patientenverfügung und zeigte Möglichkeiten und Grenzen auf.
Die Patientenverfügung entstand zunächst als „Patiententestament“. Die Angst vor ungewollter Sterbeverlängerung durch die Weiterentwicklung der (Intensiv-) Medizin löste die Debatte um die Selbstbestimmung aus. Aus der Bevölkerung heraus entstand der Wunsch, Einfluss auf die eigene Behandlung nehmen zu können. Dr. Simon beschrieb die Anfänge des Patiententestaments, das zur damaligen Zeit „…nicht einmal den Wert des Papiers hatte, auf dem es gedruckt stand…“. 1998 fand die Patientenverfügung bei der deutschen Ärztekammer erstmal Anerkennung. Dr. Simon verlas die Erklärung der deutschen Ärztekammer, die eine wesentliche Hilfe in konkreten Behandlungssituationen bedeutete.
Entscheidend beeinflusste diesen Wandel, so Dr. Simon, auch das „Kemptener Urteil“. Der Bundesgerichtshof legte 1994 erstmals Leitsätze fest, die zur Entscheidung von lebensverlängernden Maßnahmen herangezogen werden. Demnach ist der erklärte oder mutmaßliche Wille des Patienten zur Einwilligung in eine Behandlung notwendig. Die Richter legten fest, dass es sich dabei um mündliche oder auch schriftliche Äußerungen handeln kann. Nationale Kommissionen, der nationale Ethikrat und der Deutsche Juristenrat beschäftigen sich seither mit diesem Thema und sorgen immer mehr für Klarheit.
Dr. Simon beschrieb die ethisch-rechtlichen Hintergründe der Patientenverfügung. Demnach sind für die Durchführung einer Maßnahme die medizinische oder pflegerische Indikation und die Einwilligung des Patienten als zwei gleichwertige Säulen zu sehen.
Dr. Simon verstand es den Teilnehmern zu verdeutlichen, dass nicht der Abbruch einer medizinischen oder pflegerischen Maßnahme bedenklich ist, sondern dass der Beginn oder die Fortsetzung einer Behandlung ein reflektiertes Nachdenken erfordert. Da es sich in kritischen Situationen meist um einwilligungsunfähige Patienten handelt, begründet sich hieraus die Rechtmäßigkeit der Patientenverfügung. Sie verdeutlicht im hohen Maße den erklärten Willen des Patienten und verhilft den medizinischen und pflegerischem Personal zur „richtigen“ Entscheidung in der Behandlung.
Dr. Simon ist es auf seine charmante, österreichische Art gelungen, den Teilnehmern der Veranstaltung zu verdeutlichen, dass die Selbstbestimmung dabei das höchste Gut bleibt. Zur Vertiefung und der praktischen Umsetzung lud er die Teilnehmer in seinen Workshop ein.

Doktor Alfred Simon

Doktor Alfred Simon

Das Klinische Ethik-Komitee (KEK) im Spannungsfeld zwischen Krankenhaus-Zertifizierung, Moralpragmatik und wissenschaftlichem Anspruch

Professor Dr. Axel W. Bauer, Vorsitzender des Klinischen Ethik-Komitees (KEK) der Klinikum Mannheim gGmbH und Professor für das Fachgebiet Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, zeigte die Arbeit des Klinischen Ethik-Komitees auf. Als Grundlage verdeutlichte er die nationale Organisation vom deutschen Ethikrat bis zum Ethik-Komitee in den einzelnen Kliniken.
Die lokalen Ethik-Komitees haben die Aufgabe, die klinischen Mediziner bei konfliktbehafteten Entscheidungen in der Patientenbehandlung zu unterstützen und zu beraten. Die Komitees in den einzelnen Kliniken unterscheiden sich stark.
Professor Bauer beschrieb den Weg des Ethik-Komitees an der Universitätsklinik Mannheim von der Idee bis zur praktischen Umsetzung. Ende 2003 beschloss die Geschäftsführung als ein Element der KTQ-Zertifizierung die Gründung, des Ethik-Komitees. Eine detaillierte Satzung regelt die Aufbau- und Ablauforganisation. Das Komitee arbeitet hierarchieunabhängig und ist interdisziplinär besetzt. Jedes Mitglied entscheidet nach dem eigenen Wissen und Gewissen. Professor Bauer zeigte den Weg von der Antragstellung bis Klärung einer ethischen Fragestellung und zur Entscheidungsfindung auf. Alle Komitee-Mitglieder bringen sich reflektiert in die Diskussion ein. An diesem Ergebnis ist der Erfolg der ethischen Beratung zu sehen und nicht an dem Grad der Übereinstimmung der einbezogenen        Parteien.
Professor Dr. med. Bauer ist es gelungen den Teilnehmern die Aufgaben seines Ethik-Komitees und dessen Spannungsfeld sowie die Grenzen aufzuzeigen. Die Zukunft zeigt, ob für die Zertifizierung der Häuser das Thema Ethik in der Patientenbehandlung nur ein geschriebenes Stück Papier bleibt oder Einzug in die Kliniken hält. Die Frage bleibt bis heute offen, ob eine interdisziplinäre, ethische Beratung in Konflikt beladenen Situationen die Qualität in der Patientenbehandlung tatsächlich verbessert. In seinem Workshop zeigte er den Teilnehmern dazu griffig die praktische Umsetzung auf.

Professor Axel W. Bauer

Professor Axel W. Bauer
Führungsethik im Gesundheitswesen

Iris Meyenburg-Altwarg, Dipl. Pflegewirtin, Geschäftsführerin Krankenpflege, Leiterin der Schule für
Operationstechnische Assistenz an der Medizinischen Hochschule Hannover, beleuchtete in ihrem Vortrag die Bedeutung der Ethik aus Führungssicht. Sie sieht die Führungsethik als entscheidendes Instrument, um im Management zu bestehen. Führungskräfte treffen Entscheidungen mit weit reichenden Konsequenzen. Sie stellte dazu das Dilemma im Management von Non-Profit-Unternehmen dar. Falsche Voraussetzungen, unbefriedigende Informationen und die persönlichen Abhängigkeiten beeinflussen die Entscheidungen der Führungskräfte. Iris Meyenburg-Altwarg zeigte dabei auf, dass der Wandel im Management des Gesundheitswesens oft nicht im Einklang mit den Veränderungen des Verantwortungsbereichs der Führungskräfte steht. Ein ethisches Führungsverhalten zeichnet sich durch eine reflektierte Betrachtung aus. Dabei steht die Unternehmensethik und -kultur in unmittelbaren Zusammenhang und ist Bedingung, die eigene Führungsethik umsetzen zu können.
Iris Meyenburg-Altwarg beschrieb die Unterschiede und Probleme der partizipativen und der reflektiven Offenheit. Wirkliche Transparenz, Offenheit und Vertrauen benötigt für Sie eine verknüpfte Partizipation und Reflektion im Führungsverhalten. Sie forderte die Teilnehmer für Ihre Führungsarbeit auf, die einbezogenen Mitarbeiter zum Hinterfragen ihrer Meinung und Entscheidung zu animieren, anstatt auf eine verwässerte Konsenzentscheidung zu bauen. Sie stellte dazu das Vertrauensmodell nach Seifert vor und verdeutlichte die Bedeutung einer Lernkultur.
Iris Meyenburg-Altwarg zeigte mit ihrem Vortrag einen Orientierungsrahmen der Führungsethik auf. Sie veranschaulichte dabei die Zusammenhänge der vorgegebenen Unternehmensführung, der wirklichen Mitarbeiterbeteiligung und dem eigenen Führungsverhalten. Mit diesem Gedankenanstoß „Ethik besitzt nicht die Wahrheit, Ethik soll reflektieren“ startete sie in ihren Workshop. Kleingruppen erarbeiteten darauf hin eine „kleine Ethische Stellungnahme“ zu ihrem Themenkomplex.

Frau Iris Meyenburg-Altwarg

Frau Iris Meyenburg-Altwarg

Die Tagung konnte ihrem ethischen Anspruch gerecht werden und die Teilnehmer konnten ihre Normen und Werte hinterfragen und reflektieren. An diesem gelungenen Tag betrachteten die Teilnehmer das Thema Ethik interdisziplinär und mehrdiminsonal. Jeder konnte für seine Arbeit neues Wissen und wertvolle Denkanstöße mit in seine tägliche Arbeit nehmen.



Die ausführlichen Vorträge finden Sie unter www.alk-bawue.de.

Linda Göttel
Vorstand BALK, Landesgruppe Baden-Württemberg
6.3.2007






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